| 28.02.2005 4 Weise unter 1293 Blinden Wir schreiben Ende November 1999. Kurz vor Ende des Jahrtausends will ein Verein der Bundesliga Geschichte in einer neuen Dimension schreiben. Nicht der erfolgreichste Verein - der kommt bekanntlich aus Bayerns Hauptstadt. Auch nicht der "Stolz des Nordens" - denn wir sind ja solide bis ins Knochenmark. Jedenfalls nach der Millionenelf 1971 / 72 und dem kurzzeitigen Lizenzentzug 1978. Nein, es ist der Championsleague-Sieger von 1997 aus Dortmund, der im November 1999 Nägel mit Köpfen macht. Den Weg an die Börse, dem die Übertragung des wirtschaftlichen Geschäftsbetriebs auf eine Kommandit-Gesellschaft auf Aktien (KgaA) vorausgeht, segnet die Mitgliederversammlung des Bv Borussia 09 ab. 90 Jahre nach der Gründung diskutieren die Mitglieder nicht einmal eine Stunde über diesen Antrag, der von einem Juristen aus der Anwaltssozietät, zu der Gerd Niebaum als Teilhaber gehört, eingebracht und begründet wird. Und der Herr Niebaum zeigt sich großzügig so kurz vor Weihnachten: Jedem der 10619 Mitglieder der Borussia wird beim Börsengang eine Aktie geschenkt werden. Begeistert von dieser Aussicht und dem Versprechen des Managers Michael Meier, dass man "mit mindestens 180 Millionen DM als Ergebnis des Börsengangs rechnet", beeilten sich 1293 der 1297 anwesenden Mitglieder, mit ihrer Stimme den Weg zu neuen glanzvollen Erfolgen und unvergleichlichen Einnahmen freizumachen. Es gab nur 4 Mitglieder, die sich diesen, wie wir heute wissen, auf Sand gebauten Visionen, nicht anschließen mochten. Ob sie wirklich die ganzen Möglichkeiten vorausgesehen haben, die einen Verein in den Ruin oder wenigstens nahe daran treiben können, darf bezweifelt werden. Aber vielleicht haben sie die Herren Niebaum und Meier bereits damals als Hasardeure, Taschenspieler oder Blender erkannt. Vielleicht waren sie sogar ein wenig traditionalistisch angehaucht. Eine romantische Anwandlung, wie manche meinen. "Romantiker", so nannte mich übrigens auch unser Tino Polster - ein paar Tage, nachdem wir zu zweit auf Werder's Mitgliederversammlung den Antrag gestellt hatten, den Namen "Weserstadion" nicht zu verkaufen, nur um für ein paar Millionen hier auch eine Arena zu bekommen. Ich denke, heute würden sich viele von den 1293 Mitgliedern, die damals so diskussionslos und mit Standing Ovations, wie Beobachter aufzeichneten, dem Antrag zugestimmt haben, am liebsten in den Allerwertesten beißen. Euphorie macht manchmal eben blind. Vor allem, wenn sie von geschulten Rhetorikern als Maxime verkauft wird. Und es bleiben eben doch nur 4 Weise aus dem Kohlenland zu rekapitulieren. Was das alles mit Werder zu tun hat, werden sich einige fragen. Neben der angesprochenen niedergestimmten Anwandlung wegen des Stadionnamens, fällt mir dazu ein, dass es da auch eine Werder Bremen GmbH & Co. KgaA gibt. Wir haben also eine ähnliche Gesellschaftsform im Bundesligasportbetrieb. Wir haben, nebenbei bemerkt, auch eine ähnliche Euphorie. Aber eines, das haben wir außerdem - eine Diskussionskultur. Da pöbelt einen dann ein erfolgloser Fahrschullehrer, der auch schon kleinere Vereine ruiniert hat, routiniert nieder, aber da wird wenigstens nicht alles kommentarlos geschluckt. Immerhin bedurfte die neue Satzung fast ein ganzes Jahr, bis sie verabschiedet werden konnte. Immerhin wird bei uns schon mal ein vorgeschlagener Aufsichtsrat abgelehnt. Außerdem gebe ich die Hoffnung nicht auf, dass irgendwann auch die Fördermitglieder oder besser alle passiven Mitglieder so etwas wie eine Abteilung in unserem Verein bekommen. Na denn fröhliche Sanierung dem BvB - dem Verein der 4 Weisen und 1293 Blinden. Hornsby P.S.: Im November 1999 verlor übrigens Werder gerade in Lyon 0:3. Nur wir spielen nach langen tristen Aufbaujahren ganz oben mit. Ohne dreistellige Millionen versenkt zu haben. |