| 07.09.2006 Die Wertschöpfungskette Manchmal, wenn man sich mit Wirtschaftswissenschaftlern unterhält, bekommt man einen Eindruck davon, warum die Wirtschaft überhaupt funktioniert - und warum davon so viele Menschen gut leben können. Das Zauberwort heißt: WERTSCHÖPFUNGSKETTE. Auch wenn die Ergebnisse, die dabei herauskommen, durchaus surrealen Charakter haben können. Nicht alles verstanden, liebe Leser ? Na dann will ich das mal an einem ganz einfachen Beispiel erläutern. Also, man nehme einen Bestellschein, schreibe darauf den Wunsch, eine Stehplatzkarte für ein DFB- Pokalspiel, sagen wir mal, in Pirmasens zu bekommen, schicke das Ganze per Fax an einen Fußball-bundesligisten, sagen wir mal Werder Bremen - und dann harre man einfach der Dinge, die da kommen. Sie kommen ! Ohne wenn und aber, pünktlich, sehr pünktlich vor dem besagten Pokalspiel. Dazu liegt dem Brief eine Eintrittskarte sowie eine Rechnung bei. Die Karte vom FK Pirmasens, die Rechnung von Werder. Und nun kommt sie, die WERTSCHÖPFUNGSKETTE. Also, auf der Eintrittskarte sind folgende Posten vermerkt: Eintrittskarte - 8,50 EURO. Nun gut, nicht schlecht für einen Stehplatz, aber ist ja für den ambitionierten Südregionalligisten. Vorverkaufsgebühr - 1,00 EURO. OK, das ist man mittlerweile gewohnt. Fragt sich nur, wofür diese Gebühr. Systemgebühr - 1,50 EURO. Spätestens da fängt man an, das erste Mal zu grübeln. Was soll das sein ? Vermutlich die Gebühr dafür, dass die Karte durch ein Ticketing-System ausgedruckt wurde. Methode CTS Eventim. Nur - muss das sein, tut das wirklich not ? So, damit wären wir dann bei lockeren 11 EURO für das gesamte Ticket. Aber halt ! Nicht so schnell mein lieber Freund, wer wird denn gleich vor Freude in die Luft gehen ? Greife lieber zur Rechnung von Werder Bremen, denn die holt dich fix wieder herunter von Wolke 7. Denn, man höre und staune, dort steht als Ticketpreis plötzlich 12,10 EURO !!! Nicht 11 EURO, wie auf der Karte der Pirmasenser vermerkt, nein satte 12,10 EURO. Wer sich nun fragt: "Hä ? Wie das ?", hat in den letzten Jahren nicht aufgepasst. Unser Bundesligist nimmt pauschal für diese Karten weitere 10% Vorverkaufsgebühr. Allerdings, in der Rechnung wird der abrupte Sprung von 11 auf 12,10 EURO nicht weiter erläutert. Wem es nicht passt, braucht es ja nicht zu kaufen. Halt, wird der geneigte Leser nun einwenden, Vorverkaufsgebühr habe ich doch schon bezahlt, nämlich, s.o., 1,00 EURO, wie auf der Karte aufgedruckt. Aber so einfach ist das nicht, no Sir. Erst verkauft Pirmasens die Karte an Werder und nimmt eine Eurone als Gebühr und die holt sich Werder von mir wieder, klar. Und da ich nun ja die Karte von Werder kaufe, zahle ich also dort eine kleine Vorverkaufsgebühr von 1,10 EURO. Ein Schelm wer denkt, er würde abgelinkt... Doch damit nicht genug. Damit mein erfolgreicher Bundesligist mir dieses mittlerweile fast zum Wertpapier gewordene Stück Dünnpappe nun direkt als Service zuschickt, nimmt er noch mal satte 4 EURO Versandgebühren. Immerhin, die sind einschließlich Einschreibgebühr. Wobei, die Deutsche Post AG für ein Einschreiben genau 2,60 EURO nimmt. Das steht auch auf dem Einschreiben drauf, nicht etwa 4 EURO Gebühren. Da ist also wohl ein Versandservice am Werke, der sich seine Arbeit für Werder Bremen fürstlich vom Kunden honorieren lässt. Natürlich vom Kartenkunden, nicht etwa vom Auftraggeber. Oder aber Werder nimmt für Briefumschlag, Rechnungsgestellung und anteilige Personalkosten pro Brief erstaunlich 1,40 EURO ! Und so ist aus meiner kleinen Eintrittskarte, die als reinen Nennwert einst 8,50 EURO gekostet hat, nun ein Anteilschein an einem Fußballspiel geworden, der als Rechnungsendbetrag 16,10 EURO ausweist. Oder etwa 31,50 D-Mark. Oder knapp 90% Gebühren auf den Grundpreis !!! Manchmal ist es schön zu wissen, dass man im heutigen Fußball gnadenlos abgezockt wird. Oder ich sehe es volkswirtschaftlich-sportlich: Ich trage dazu bei, in diesem Geschäft viele Arbeitsplätze zu sichern. Nach solch einer WERTSCHÖPFUNGSKETTE fühlt man sich irgendwie richtig als Gutmensch. P.S.: Ich vermute, bei solch einer WERTSCHÖPFUNG wird wohl selbst der unverschämte Hamburger SV noch blass vor Neid - der hatte extra für das Spiel gegen Werder Bremen "nur" 75% auf die sowieso schon höchste Preiskategorie aufgeschlagen am Ende der letzten Saison ... Hornsby |