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But au but vs. Olé olé 4 KKs beier
WM Kennst
du das auch? Du erhältst Kenntnis von einem Termin – hier: ein Sonnabend - und
speicherst ihn komplett als solchen ab – nur an einem ganz anderen Tag – hier:
einem Montag. Dann rückt der Tag des Ereignisses näher und näher und Du hast
ihn immer noch nicht so richtig auf dem Schirm, obwohl Du mittlerweile auch
mitgekriegt hast, dass Deine Planung nicht ganz korrekt war. Schließlich sitzen
wir im Auto, um dorthin zu kommen, und immer noch hast Du das komische Gefühl,
„hier stimmt was nicht“. Kennst Du nicht? Hm! Tja… denn… eben nich! Vergessen wir eben das Intro! Bei
diesem Termin handelt es sich um nichts Geringeres als um eine Familienfahrt zu
einem WM-Spiel. Nun
kannst Du ja sagen „Hör mir bloß auf midder WM! Nur
was für Dummgebliebene! ‚Zu Gast bei Freunden’ – ha! Dass ich nicht lache! Eine
Veranstaltung ganz im Sinne von Blatter, Beckstein, Schill und Gauweiler! Und
überhaupt – Scheiß Kommerz!“, was ja nun auch nicht völlig von der Hand zu
weisen ist. Du kannst aber auch sagen „Geil! WM! Im eigenen Land! Das nehme ich
auf jeden Fall mit!“ Passt auch. „And the winner is…
Deutschland!“ Die
Vergabe der WM nach Deutschland war uns irgendwie allen klar, oder? Wer war
noch gleich die Alternative? Südafrika? Ach ja, England auch. Auch wenn es
angeblich spitz auf Knopf stand, was Südafrika oder Deutschland anging, und
letztlich nur die Enthaltung eines Neuseeländers den Ausschlag gegeben hatte, irgendwie
hatte ich schon fest damit gerechnet, dass Blatter „Deutschland“ aus dem Hut…
pardon! Umschlag zaubert. Schließlich hatte Berlin ja schon nicht Olympia
gekriegt. Ach ja, und England? Nö. Vorsichtshalber
schon mal das Weserstadion ausbauen! Wurde auch gemacht. Anderswo wurde
allerdings auch gebaut – und der DFB war großzügig mit Versprechungen: Klaaar kriegt ihr die WM! Wir wissen alle, wie’s weiter
ging. Egidius hatte sich bei seinem Versprechen in der oberen Rathaushalle zu
Werders Hundertstem versprochen… Désirée
macht ein Schulpraktikum Das
sind Zeiten! Ich hatte einst mein Praktikum im Großraumbüro bei der „Neuen
Heimat“ gemacht. Unsere Große, Désirée,
macht ihres beim Fan-Projekt. Hätte ich auch mehr Bock draufgehabt! Jedenfalls
war ihr im Zuge dessen nahe gelegt worden, sich um WM-Karten zu bewerben. Dies
auf unserer traditionellen Frühstücksrunde mit Maren, Johann und Dreifümpf angesprochen, bestellten wir bei dieser
Gelegenheit alle gleich Karten, wir 4 KKs zusammen
bei einem Spiel, Maßgabe: geringste Preiskategorie und möglichst nicht zu weit
weg von daheim – also Hamburch. Spielpaarung war noch
nicht bekannt, Auslosung war ja noch nicht gewesen. Schlimm isses,
die Katze im Sack zu kaufen, noch schlimmer isses,
sie in einem hamburgischen Sack zu kaufen… Und
boing! Tatsächlich Glück gehabt, Karten gekricht!
Gleich den Rundruf bei den Mitbestellern gemacht. Jouh,
MaJo ham auch den Zuschlag
erhalten, nur Dreifümpf war mehr als angefressen…
Wohl durchs Rüpelraster gefallen? MaJo hatten sich auf ein Spiel mit deutscher Beteiligung
eingeschossen, wir dachten, ohne diese Einschränkung mehr Chancen haben zu
können. Und so wurden „unserem“ Spiel die Mannschaften von Argentinien und der
Elfenbeinküste zugelost. Ey, is
dochn ganz geiles Los!
Argentinien hat’s eh drauf und bei Teams aus Afrika ist auch nicht unbedingt mit
Waldhof-Mannheim-Antifußball zu rechnen! Kann
losgehen!
„Sie haben Post!“ Wenn der
Postmann drei Mal klingelt… …
dann hat er mitunter drei Mal Pakete dabei, mit der strengsten Auflage, die selben nur an die jeweiligen Empfänger oder deren Erziehungsberechtigten
auszuhändigen. Inhalt:
Ein Falt-Spielplan („Tournament Table“), eine Art Deutschland-Reiseführer,
rote und gelbe Schiedsrichterkarte (höh? Wat schall ik’n dormit?), eine Kartenhülle
mit Umhängeband (quasi eine durchsichtige Garage mit Bänzel
dran) – und schließlich – „Your 2006 FIFA WorldCup™ match ticket(s)“ in
mittlerer Plakatgröße (20,3 x 8,3 cm).
Schick, das! Vor
allem nicht knicken, isn Chip drin! Und zwar ein Chip
„mit so genannter RFID-Technologie.
Die Technik ermöglicht das Auslesen der in ihm gespeicherten Daten per Funk.
Der Erwerber des Tickets muss eine erhebliche Anzahl persönlicher Daten
angeben: Name, Adresse, Geburtsdatum, Telefon, Fax, Email, Kontonummer, Angaben
zum Personalausweis oder Pass. Diese Daten werden vom Deutschen Fußballbund
zentral gesammelt, gespeichert und – so ist zu befürchten – munter weiter
gegeben. Sie werden abgeglichen mit den Stadionverbotsdateien des DFB und
darüber hinaus offensichtlich den Sicherheitsbehörden zur Verfügung gestellt.
Dort scheint ein Abgleich mit den Eintragungen in der Datei >Gewalttäter
Sport< stattzufinden. Wer bei diesen Abgleichen durchfällt, erhält bereits
gar kein Ticket. Warum, wird ihm allerdings nicht mitgeteilt, seine Daten
werden auch nicht gelöscht. Theoretisch wäre es möglich, in einzelnen Fällen
den Funkchip durch Lesegeräte an anderen Orten außerhalb der Stadien zu orten
und elektronisch zu identifizieren. So könnte ein Bewegungsprofil der
jeweiligen Person erstellt werden“ (zit. aus „Enough is enough!“, Antifaschistische
Zeitung für Abseitsfallen und gegen Rechtsaußen, 100% FIFA-free,
Nr. 25, WM-Sommer 06, Kiel/Hamburg). Na prächtig! Aldous
Huxley und George Orwell lassen grüßen… Das
war auch ein Grund, warum ich zur WM
wollte. Ma kucken, was demnächst in der T-Com-Bundesliga so Standard wird… Schlimm genuch, ansonsten drauf geschissen. Wollte eben auch ma sehen, was paadiemäßig so
abgeht! Vier
KKs kriegen drei Pakete? Jouh,
ganz klasse gemacht. Die Karten für die Kinder kamen jeweils in Einzelpaketen,
Birgit und ich krichten ein Paket (natürlich ging bei
uns beiden gleich der Zoff los, wer denn nu die gelbe und wer die rote Kadde kricht). Demzufolge hatten
Birgit und ich dann auch nebeneinander liegende Plätze. Und die Kids? Die Große
eine Reihe dahinter aber meilenweit entfernt – und die Lütte noch ne Reihe
dahinter in der ganz anderen Richtung – jeweils alles ohne Sichtkontakt
zueinander! Na, das nenn ich doch mal deutsche Gründlichkeit! Ein Hoch dem OK! Natürlich
mehr zur Frustbewältigung gleich eine wohlformulierte
aber gepfefferte Mail an das OK-Ticketteam geschickt, so von wegen prima
organisiert und Neunjährige völlig alleine in den Block zu setzen usw. Gab dann
natürlich die auch Charlie Brown bekannte Formantwort („Lieber Brieffreund!
Danke für Deinen Brief. Herzlichst Dein(e)…“). Also
los! Widersetzen wir uns des Blatters und des Kaisers
Truppen und setzen uns trotz personalisierter Chip-Tickets (siehe oben) um!
Huch, Anarchie! Na, wird ja wohl irgendwer im Block tauschen. 169:52 Irgendwann
am Freitagabend nach dem Deutschlandspiel hatte ich dann doch realisiert, dass
wir uns morgen die WM live geben würden. Also genau der richtige Zeitpunkt um,
noch unter dem Eindruck des Einstandsieges, noch schnell was Mucke zusammen zu
schrauben. Und was kam dabei raus? Lauter so Sachen wie Hahohejahejahe,
Oléespana, Mexicomiamor, Wirsindschonaufmbrenner, Unestateitaliana,
Dannmachtesbumm, n büschen
was Neues wie Pocher, Sportfreunde Stiller, das
unverzichtbare Werder-Vereinslied, begleitet von GebornfürdenSVW,
und natürlich You’ll never
walk alone! Hamwa dann auch nich gemacht! Gegen zwei
Désirée vom Fan-Projekt abgeholt und dem Rat des Radios gefolgt, dasn Stau zwischen Mahndorf und Oyten
angekündigt hatte. Also ersma Überlandpartie. Um
die Fahrt nicht so langweilig zu gestalten, beginnen wir alles was irgendwie
schwarzrotgold oder anders weeämmmäßig aussieht zu
zählen, also Flaggen, Trikots etc. In unserem Garten geht Schweden schnell mit
1:0 in Führung, aber schon bei Bob steht es 2:1 für Deutschland. So geht es
lustig weiter. Noch vor ein paar Monaten wurdest du gleich in die rechte Ecke
gestellt, wenn du Schwatzrotgold gehisst hattest. Was musste ich mir auf der Stuttgart-Celtic-Tour im St.-Pauli-Bus
noch für Sprüche anhören, weil auf meinem Werder-Schal an den Enden die deutschen
Farben drauf waren… Heute aber hat ja jedes dritte Auto mindestens eine Flagge.
Viele dieser Autoflaggen hatten dem Fahrtwind offenbar nicht Stand gehalten und
liegen seitdem auf dem Standstreifen der Autobahn (werden aber mitgezählt). Die
Zählung kurzzeitig aussetzen müssen wir auf unserem Umweg in Oyten, das schon am Ortseingang mit dem Schild „Die Welt zu
Gast bei Freunden – OYTEN fiebert mit“ grüßt und damit augenscheinlich nicht
übertreibt: Jedes innerörtliche Haus an der alten B75 trägt haufenweise
Deutschland-Flaggen und je eine Flagge eines anderen WM-Teilnehmers. Wer
das alles mit Deutschtümelei in Verbindung bringt, den würde in
Ottersberg-Bahnhof glatt der Schlag treffen: Dort ist Schützenfest, und ein
entsprechend uniformierter Spielmannszug legt mit seinem im Gleichschritt
dargebotenen Uffta-ufftata auf der Gegenfahrbahn
glatt den Verkehr lahm. Sauer
kraut and schweiner fliesch
as its best! Kurzum:
bis Stellingen erreichen wir ein Ergebnis von 169:52
für Deutschland, obwohl uns kurz vorm Elbtunnel die ersten Busse mit
Argentiniern etwas orientierungslos erscheinen. Allerdings mit deutschem
Kennzeichen. Naja, ’nen Bus
aus Argentinien hierher zu machen, das würde vermutlich nicht mal Fisch fertig
bringen. Birgit
hatte uns allen – wie immer - gut zu essen eingepackt. An das Getränk muss ich
mich aber erst noch gewöhnen. Sieht mehr nach Urlaubsanreise als nach
Auswärtsspiel aus, meine Capri-Sonne Cherry! Na gut, gib mich die Kirsche! Hm!
Immerhin 169:52. Hilft etwas. CD hat nämlich auch nicht gefunzt.
Ganz großes Tennis! Souveräään! Hey!
Was soll ich Altallesfahrer mit ner
Wegbeschreibung aus diesem Kartenpäckchen? Den Weg nach Stellingens
Parkplatz „Braun“ findet das Auto notfalls auch so, Motto
Schlusspfiff->Parkplatz->rauf-offe-Bahn-und-weg-ausm-Feindesland. „Heute
aber ersma abstellen, S-Bahn -> St. Pauli. Machn wa!“ Also
rein in’n Elbtunnel und wieder raus. Huch? War da nich
eben n großes Schild „Parkplatz Blue Sector hier
raus“ oder so? Egal, schon vorbei, auch die Ausfahrt. Aber habbich
„Blue Sector“ nich schon
mal irgendwo gelesen?
Hmm! Sieht so aus. Ausfahrt Furzpark führt nicht auf Parkplatz „Braun“
sondern auf Parkplatz „Red Sector“. Schön! Also links
rum, unter der A7 durch Richtung Bahrenfeld und über Osdorf
nach Lurup. Kamman wieder
schön zählen… Kurz
nach der Trabrennbahn (mein Gott, wo sind wir denn überall gewesen???) und’n paar Luruper
Eingeborenenhöhlen liegt linker Hand der Parkplatz „Blue Sector“.
Parkgebühr sechs Euronen! Also zwölf Maak! Dafür hast du vor der letzten Währungsreform beim
Griechen noch locker ne große Giros-Souvlaki-Platte undn Ouzo gekricht!
Nee, meine Herrn! Nich mit uns! „Vahr
weiter!“ Jetzt
musst du beim Lesen so ne Karussellmucke hören, denn nach der nächsten fetten
Kreuzung geht’s ersma rechts rum. Na, hier gibt’s ja
schon jede Menge freie Plätze, is aber zu weit weg, Vahr weiter, nochma rechts rum, örrg, da is ja das Stadion „Castle Greyskull“, aah und da hamwa letzma geparkt, war geil, da oben standen wir beim Bus und
hier unten ein Bulle in diesem „schicken neuen Outfit“, und Jan so gleich die
ganze Zeit „Y.M.C.A.“ zum Bullen runtergesungen, der
fühlte sich schön verarscht! Wuuuahuahua! Hm,
wieder der Ex-Platz „Braun“, also nochma Bahrenfeld, Osdorf, Lurup, Trabrennbahn, am
Teuerplatz vorbei, und jetzt sehen wir’s erst: Gegenüber, also rechts an der
Kreuzung liegt diese ööh… „geile“ Gartenlauben-HSV-Kneipe
an der Stadionstraße, in der wir beim vorletzten Mal nach unserem
Leistungsmarsch durch den Furzpark Südwest gelandet waren, ältere Vahraonen
erinnern sich vielleicht noch. Gebremst.
Rückwärts eingeparkt, wobei gleich zwei türkische „FIFA-Volunteers“
sich freundlich einen Wolf winken wollen. Siehste,
viel billiger so! Und wieder: Leichte Unterschiede zu ner
normalen AuswärtsVahrt – ersma
ordentlich mit Sonnenöl einschmieren. Heißt ja nicht umsonst: „Crem dich ein!“ Und wieder: Gib mich die Kirsche! Derweil ziehen
haufenweise singende Argentinier an uns vorüber, gelegentlich wird einander
gegrüßt („Aah, Werder Bremen! Gutt!“).
Also
an der Budenpinte mit den Gefahrenschildern („Astra“, „Holsten“) vorbei und
weiter. Nach den ersten neun Kilometern des uns allen bekannten Fußmarsches
begegnen uns die ersten Elfenbeinler, ööh Elfenbeinküstler, Küstennebler, was
weiß ich, halt: Ivorer! Hahaa! Mit Orangentrikots und
irischen Flaggen (nur auf dem Kopf stehend, also die Flaggen, versteht sich!)
und nettem französischem Akzent: „Jü noo wör tu feind
no votelle?“ – „What do you mean, >votel<?
Ach, Novotel!! Keine
Ahnung, ääh, sorry! I’m not
from “Boah! Wie weit isn das noch?!“ Höööi, alles im Griff! Da vorne an der Ecke kommt gleich
die nächste Furzparkpiesel, links rum und dann rechts
anner Südkurve vorbei Richtung Stellingen-S-Bahn.
Souveräään! Kenn den Scheißladen hier. Ja.
Wohl doch nicht. Naja, warum auch? WM macht alles
anders: He, dieser Zaun is hier sonst nich! Kein Durchgang vor der Südkurve. Müssen echt um den
ganzen Schuhkarton laufen! Ich halt’s nich aus! Neben
lauter Gauchos und wenigen Ivorern also am Stadion vorbei.
Seh’s schon kommen, ich lauf mir bestimmt wieder n
Wolf! Links
versammeln sich Sanis und Ärzte in Bataillonsstärke zur Befehlsausgabe. Wenn du
hier umkippst, löst du bestimmt gleich einen Krawall aus, weil sich alle um
dich zanken. Gibt sicher ein schönes Knäuel. Bis die das unter sich geklärt
haben, bist du längst tot. Nordwestecke.
Treffpunkt der Gauchos. Einer hat auch ein Fähnchen
mitgebracht:
Pah! Lächerlich! Remember „Renton CSC 1952“! War
viel größer! Irgendwelche
Optimisten suchen immer noch Eintrittskarten. Gibt auch vereinzelt welche. Zum Fünfstundenvoranpfiff-Kurs von 500 Ocken.
Geschenkt, eigentlich… Doch
nicht nur fröhlicher Gauchosingsang ist zu vernehmen
(und wird von diversen Fernsehteams live ins Tangoland gebeamt),
sondern auch das Geplärre, das von diversen Sponsoren-Trucks
hinunterdröhnt, wie z. B. von der mobilen Fanbühne in den Farben eines
amerikanischen koffeinhaltigen Erfrischungsgetränks mit Pflanzenextrakten.
Irgendwo da steckt auch Kermit von den
Sesamstraße-Nachrichten Schließlich
finden wir doch noch den Pfad zur S-Bahn. Bei diesen Temperaturen kommt die
frische Luft, die von der Müllverbrennungsanlage herüberweht, doch gleich noch
mal so gut. „Das ist die Hamburger Luft-Luft-Luft!“ Prima Visitenkarte! Da rümpft
die Welt, die zu Gast bei Freunden ist, doch ihr multikulturelles Näschen! Kein
Wunder, dass man, wenn man ständig solch einer Luft ausgesetzt ist,
vorzugsweise einen in der Nähe beheimateten Scheißverein besucht! Stellt euch ma vor, wir müssten alle vierzehn Tage da vorbei – uäääg! Einige
hundert Meter weiter versuchen einige Ostasiaten „Original argentinische
Sombreros“ zu verhökern. Und ich dachte immer, so was trägt man in Mexiko? Klar,
wir schwimmen schon jetzt etwas gegen den Strom. „Kommt herbei, ihr
Völkerscharen“ und strömt an uns vorüber. Und wirklich, so viele verschiedene
Nationalitäten begegnen einem sonst allenfalls auf dem Arbeitsamt. Ähnliches
Gedränge dann vor dem Stellinger S-Bahn-Tunnel an einem
Original FIFA-Pissoir nebst FIFA-„Trinkklotz“, welcher in mehr oder weniger
hohem Bogen auf Hahndruck Trinkwasser in aufnahmebereite Fanmäuler spritzt.
Wohlgemerkt, der Trinkwasserklotz wird nicht mit Flüssigkeiten aus dem Pissoir
gespeist – es sei denn der Klotz enthält auch eine Minikläranlage… Der
S-Bahnsteig ist endlich mal in orangeweißgrüner Hand:
Ab
zur Reeperbahn. Auch hier WM-Stimmung in allen Farben. Ein beflaggter und bebudeter Hans-Albers-Platz. Auch die Sexshops hatten neben
ihrem Standardprogramm (etwa dem Video „Bizarre Analexperimente“ etc.) allerlei
Flaggen und Fußbälle (und nicht nur als Dessous) in den Schaufenstern. Außer
Nepp, Sex, miesem Bier, Schmuddel, Multikulti, Koberern hat St. Pauli natürlich auch viel Antifa zu bieten – aber auch hier: Deutschland-Flaggen ohne
Ende. Auch in den Seitenstraßen. Auf
dem Weg zum St.-Pauli-Fanladen, wo trotz aller dort
vorhandenen Anti-FIFA-Stimmung doch auch n büschn Paadie vermutet wurde, klingt es wie in Berichten über das
„Wunder von Bern“: Aus allen Kneipen und Fenstern ist die Live-Reportage vom
gerade angefangenen Spiel TriniTo – Schweden zu
hören. Über allem liegt das Rauschen der Zuschauer. Für einen selbst irgendwie
eine merkwürdige, unwirkliche Stimmung: Du hörst die Töne eines Kicks und gehst
trotzdem seelenruhig Deines Weges. Im
Fanladen selbst ist eher nix los. Etwa zehn Gestalten lümmeln sich auf Sofas und
Sesseln herum und gucken das Spiel auf mehreren Fernsehern und über einen Beamer. Ist irgendwie doch unterhaltsamer hier, wenn Der-liebe-Jan.de dem hiesigen studentischen Auditorium (vor
allem dem weiblichen) bierernst seine flugs aus der Tasche gezauberte Lyrik
vorträgt. Okay,
schön mit Kaltgetränken (afri-cola etc.) und
Literatur eingedeckt und straight zum Schotten. Hmhmm, gewohnt lecker da. Das mit Abstand „sauberste“
Goldene Emm wo gibt, das aufer
Reeperbahn. Na ja, vorm Kloeingang sitzt „voll korrekter Toiletten-Papi“ und wird
wohl von so ein paar megacoolen
Hey-yo-bin-isch-voll-endkrasser-Käppischiefträger-mit-nix-Arsch-in-viel-zu-große-Hose-Freaks
schräg angequasselt. Jedenfalls ist von dem älteren Poliboy
nur so rauszuhören „Ey, bistu
unverschämt! Hastu nix Respekt!?“ Hamwa
ers schön gespachtelt und denn bin ich am
Münztellerwächter vorbei mit den lobenden Worten: „Jouh
Käpt’n, den Schwachmaten
haste gut einen beigebogen.“ – „Danke! Aber ist doch wahr! Ist auch nur Job
hier!“ – Aber in der Tat, Respekt! Der Brillenladen ist fast sauberer als der
Rest des Restaurants. Aber trotzdem, beim Pressen und Hecheln stellt sich einem
doch die Frage, wie viele Junkies sich hier wohl schon beim Goldenen Emm das Goldene Ess gesetzt
haben, um später hoch dramatisch eingesackt zu werden. Aber lassen wir derlei philoklofische Gedanken. Wird auch langsam Zeit für Hamburch-West. Neben
einer argentinischen Großfamilie befinden sich – außer uns- auch etliche blonde
und (wg. der Hitze) rotwangige „Schwarzafrikaner“ in entsprechenden
Orangentrikots in unserem Waggon. Die Heimatbahnhöfe dieser „Ivorer“ sind nur
allzu offensichtlich irgendwo zwischen Emsland und Lausitz einzuordnen. Naja, warum auch nicht? Bin ja selbst nicht groß anders:
Schließlich liegen Glasgow und Hammarby ja nun auch
nicht in Bremerhaven oder Arsten… (nur so am Rande:
Als ich kürzlich durche Stadt trottelte – und dabei
mein Schwedentrikot anhatte, stürzte so’n Langer auf
mich zu und fing an zu radebrechen: „Do you speak English?“ Erst wollte ich in bester Chris-Roberts-Manier antworten „Honey, I do!“, aber mein
Trikot völlig vergessend dachte ich, ich hätte einen ausländischen Touri vor mir, also bejahte ich brav, bis er antwortete: „Ääh, well… I am from a Bremen newspaper and I want to know how many
of you are in se city…“ Ach so! Der denkt… - „Och, weiß ich aunich! Da hinten habbich noch so
dreivier Schweden gesehen…“ – „Och, Mönsch, schade! Und ich dachte…“ Ja, schade eigentlich!). Mittlerweile
also wieder im Vahraonen-Poloshirt in Stellingen, wo sich der Zug schlagartig leert. Nur langsam
schiebt sich die Jugend der Welt in den Trikots sämtlicher WM- und nahezu auch
aller Nicht-WM-Länder an der Hamburger-Luft-Luft-Luft vorbei Richtung „Fifa-WM-Stadion
Hamburg“. Auf einer der Brücken sammeln sich offenbar einige deutsche oder
englisch anmutende Jünger der Dritten Halbzeit, Güteklasse Althauer mit Erschrecker-Nachwuchs im Schlepptau. Aber außer ein paar Macht demonstrierender und gar finster ausschauender Blicke
wird nichts hin und her geworfen. Angesichts
der auf unserem Wege zunehmenden grünweißorangen –
nein! Hier korrekt: orangeweißgrünen Fanmeute wird deutlich, dass diese in der
Werder-Kurve untergebracht werden, während die (hell)blauweißschwarze Menge
mehrheitlich offenbar in die Hassvau-Kurve geschoben
wird. Kultur
oder so was am Rande: Kurz vor den Kontrollen steht so’n
Typ, weißer Anzug, kalkweiße Haut, vor ihm so’n paar
Farbdosen, und hält so’n Schild hoch: „Malt mich an!“
Haahaaaa! Wie origähnell!
Dennoch: Paar schüchterne bunte Kritzeleien finden sich an ihm wieder und
fotografiert wird er auch von etlichen Leuten. Na, wenn’s schee
macht! Die
Spannung steigt. Wird sich bei der Kartenkontrolle mein mit der aktuellen augenscheinlichen
Realität nicht unbedingt vollständig in Einklang zu bringender Personalausweis aus
dem Jahr 1991 als Freikarte für Santa Fu erweisen?
Werden wir uns – wie der Tagespresse zu entnehmen war – womöglich gänzlich
unserer Kleidung entledigen müssen, weil die Daten auf unserem Ticketchip uns –
vor allem die Kinder – des fortgesetzten Widerstandes gegen die
Freiheitlich-demokratische Grundordnung™ bezichtigen? Werden wir dabei
womöglich Goleo begegnen, der – weil er einen ständig
labernden Ball, den er auch noch höchst drogenverdächtig „Pille“ nennt, mit ins
Stadion zu schmuggeln versucht hat, bereits seiner Hose in erster
Kontrollinstanz verlustig gegangen ist? Fragen über Fragen und Sorgen über
Sorgen. Die
Fans aus aller Welt aber sind solcherlei quälender Befürchtungen jedoch ledig.
Beste Partystimmung im wartenden Pulk. Aus einer neben uns wartenden Gruppe
sticht insbesondere eine wohlbeleibte orangeweißgrün gewandete Afrikanerin
mittleren Alters in viel zu grazilen und daher völlig überladenen
Damensandaletten hervor (manch rassistischer Einfaltspinsel würde sie sicher
„dicke Negermutti“ nennen). Sie singt die ganze Zeit und scheint sich innerhalb
ihrer Bezugsgruppe, zu der wir uns ob der langen Wartezeit auch bereits zählen dürfen,
auch ausschließlich singend mitzuteilen. Doch nicht nur internationales Flair
wird verbreitet, auch Anhänger aller möglichen deutschen Vereine geben sich ein
Stelldichein. Erinnerungen
werden wach: Gänsefleisch mol hior dürschgomm? – Aha! Kartnkontrolleeee!
– Jetzt wird auch klar, warum außer den Sektorenfarben auch noch
geschlechtsspezifische Piktogramme an den aufgereihten Schildern angebracht
sind: Hier geht’s nicht aufs Örtchen (es sei denn, man ist geneigt, das ganze
Stadion als ein solches zu bezeichnen! Anhänger dieser These gibt es ja
genug.), nein, dies ist der Eingangsbereich. „Wir sehen uns dann später!“,
rufen mir meine drei Mädels zu und entschwinden durch die Abtast-Erstkontrolle,
während ich mich schon gedanklich darauf einrichte, in der Nacht von
ehrenamtlichen Rotkreuzhelfern mit lecker Tee versorgt zu werden und mich mit
einem dahin gemurmelten „Viel später…“ hinten anstelle. Hm! Wohl wieder mal den
Zonk gezogen. Ein
gefühltes gutes Vierteljahr später, also ungefähr zweihundert Meter
weiter, kann mich meine Familie wieder
in die Arme schließen. Mann, sind die Kinder groß geworden! Aber
noch sind wir nicht im Stadion! Der Kartencheck kommt erst noch. Bei den Mädels
– wie gehabt – easy going.
Jetzt kommt Pabba! Also wird das Monstrum von Ticket
aus seiner Hülle befreit und der wirklich netten Maid („Steward“) am Drehkreuz
mit Kartenlesegerät übergeben. „Jezz geht’s lohooos!“ – Jouh, sie hält das
Ticket an den Scanner. Hm! Sie reibt es noch mal langsam über die so teure Sensorik des Apparillos, dann etwas schneller. Eine gewisse
Erotik ist diesem Vorgang nicht abzusprechen. Schließlich patscht sie die Karte
auf diesen Kasten, dessen so gut gemeintes Feintuning an Sensibilität zu
wünschen übrig lässt und nicht mit einer Eintrittskarte dieser Baureihe
kompatibel zu sein scheint. Ein böser „Supervisor“ (männlich) erscheint und will seine
vermeintliche Überlegenheit ausspielen, als sie kurz nach einem „das versteh
ich nich“ dem Stempelautomaten doch noch ein
wohlwollendes Bssssrssst abringt, was mich flugs
durch das enge Drehkreuz wirbelt. Geschafft,
fast! Nachdem
die Mädels ersma das Herzhäuschen aufgesucht haben –
langsam stolpere ich über meinen inzwischen gewachsenen Bart – fällt der Blick
erneut auf die inzwischen reichlich angegilbte
Eintrittskarte. Wo müssen wir nochma hin? Block
9C verheißt nichts Gutes! Wie gehabt:
Komms oben an, has ersma
Durst wie blöd. Amibier dreifuffzich, Amicoke dreifuffzich,
Deutschwasser drei Euro. Wir in einem Block
mit mindestens der halben Welt. Haufenweise Fanatics
vom belgischen KSK Beveren, n paar Schotten im Kilt, Mechikaner, Iren, Dänen, Engländer, Holländer, Polen (die
sich etliche tröstende Schulterklopfer abholen), Schweizer, Australier, Türken,
Tunesier, Italiener, Spanier, Portugiesen, Russen, Japaner, Amis und und und. Naja,
und natürlich Deutsche, Argentinier und – rechts von uns in der Südostecke –
Ivorer.
Genau gegenüber,
in der Nordwestecke, die Argentinier:
Okay, sind schon
ein paar mehr, da drüben. Und die geraten schier aus dem Häuschen, als der des
größten Teils seines Magens beraubte Handgottesbesitzer begrüßt wird – übrigens
als akkreditierter Journalist. Würde mir gerne die Ergebnisse seines in
Deutschland entstehenden Schaffens ankucken… Oder vielleicht doch lieber nicht. Wie auch immer.
Der fröhliche Singsang kann beginnen. Wer auch nur ansatzweise textsicher ist,
lässt sich auch nicht lumpen. Okay, wir hatten keine Hausaufgaben gemacht. Also
hören wir lieber zu, statt die Hymnen mitzuschmettern.
Und
jetzt allääää… Zum Spiel sach ich – wie üblich - eher wenig. Hatte mir die
Übertragungsrechte dann doch nicht sichern können. Nur so viel: Die Gauchos sind zwar besser, haben aber auch jede Menge Sott:
Wenn die Elefanten nur ansatzweise ihre Chancen vernünftig verwerten statt
verwursten würden, könnte der Doppelweltmeister echt in Schwulitäten kommen. Naja, habta ja vermutlich eh alle
gesehen. Support ganz
ordentlich, wenn auch von beiden Seiten nicht unbedingt fanomenal.
Außer Doppelgeklatsche, Rumgetrommel und einzwei Chants, die ich wieder zu geben aber nicht in der Lage bin,
kommt nicht wirklich Aufregendes von den Ivorern rüber. Mit nachvollziehbaren Gesten
der Ungläubigkeit und Verzweifelung ob der ausgelassenen Chancen machen etliche
Afrikaner ihrem Herzen Luft. Die Jungs und
Mädels vom Rio de la Plata sind zwar zahlenmäßig und lautstärkenmäßig
überlegen, aber außer konzertiertem Rumgehopse und zweidrei mittellangen Liedern fällt ihnen auch nicht so
viel ein. Von der WM 78 hatte ich noch in Erinnerung, dass vor lauter
Schnipselgeschmeiße beim Einlauf die Kurven kaum noch zu sehen waren. Ob das in
Argentinien heute noch angesagt ist, weiß ich nicht, bei der WM in Deutschland
ist aber auch nicht wirklich damit zu rechnen gewesen. Kommt jedenfalls auch
nicht. Doch recht brav, die Begeisterung, hüben wie drüben. Die Hoffnung auf
gemeinsames Sitzen erfüllt sich jedoch zunächst nicht. In unserer direkten
Umgebung sitzen nur Deutsche, wie auch immer gewandet, darunter viele Paulis
und Hassvauer, vor allem aber viele offensichtliche
Nichtfans, die bar jeder Ahnung rumitzen. Neenee, dassis mein Platz. Also
scheiß auf die Kartenregistrierung, Sandie sitzt
neben Birgit auf meinem Platz, ich auf Sandies Platz
irgendwo inner Walachei, aber den absoluten Griff ins Klo erleidet Désirée, die
in Reihe 13 auf Platz 1 sitzt und wenigstens noch ne ansatzweise sympathische
Treppe neben sich hat, ansonsten vor ihr, neben ihr und hinter ihr nur Stellinger. Die Gewitterwolke über ihrer Stirn bleibt mir
selbst auf die Entfernung nicht verborgen und auch ihre Faust in der Tasche
lässt sich förmlich spüren. Das müssen wir ändern. Also setze ich mich ersma hin, so gibt’s wenigstens keinen Sichtkontakt. Nein, is nur Spaß! Als verantwortungsvoller Papi wird sich
gekümmert. Blick schwenkt
rechts. Über den Ivorern ist noch genug Platz in der Südostecke. Erst das Bier
austrinken, dann rüber in den anderen Block. Sogar der Ordner versteht unsere
Misere und lässt uns gewähren. O2 sei Dank erfährt die Familie von ihrem Glück
und Désirée kommt erleichtert herüber. Die beiden anderen gucken erst noch die
Halbzeit zu Ende. Jetzt also mitten
unter den Ivorern. Ganz lustig. Ohne chauvinistisch sein zu wollen, fragt man
sich, wer denn nun so neben einem sitzt. Wer weiß schon über die politischen
und sozialen Verhältnisse an der Elfenbeinküste Bescheid? Und was hat man für
eine Vorstellung von der dortigen Bevölkerung? Ist es so, dass dort ein Dorf
vor einem Fernseher sitzt (sofern es nicht ganz andere Sorgen hat und womöglich
gar nicht weiß, dass irgendwo in der Welt so etwas wie eine Fußball-WM
stattfindet)? Daraus folgt die Frage: Welcher Ivorer kann sich überhaupt den
Trip nach Deutschland leisten? Hier lebende Exilanten oder Studenten
vielleicht, aber ist notwendiger Weise jeder direkt aus Afrika angereiste
Fußballfan gleich ein Kapitalist, womöglich ein Tyrann? Sind solche
Zweifel überhaupt zulässig? Noch dazu bei einem, der links denkt und fühlt?
Würde man sich so was auch bei einem Briten oder Holländer fragen? Natürlich
nicht. Gut, die haben ja auch nicht so einen weiten Weg und außerdem keinen
Visumzwang. Südeuropäer und Lateinamerikaner – glaubt man dem Klischee – geht
Fußball sowieso über alles. Amis, Japaner, Aussies
und Südkoreaner, die nicht hier arbeiten oder studieren und trotzdem die Reise finanzieren
können, haben vermutlich eh das Geld, es wird jedenfalls nicht in Frage
gestellt, haben sie doch vergleichbare Standards wie Europäer. Bleiben die
Araber und die Iraner, von denen die meisten vermutlich eh in Europa tätig
sind, ansonsten – so drängt sich einem das durch die Nachrichten vermittelte
Bild über diese Nationen auf – gehören die Fußballtouristen wahrscheinlich zu
den Privilegierten ihres Landes. Ich versuche diesen Gedanken, dieses
chauvinistische Schubladendenken zu verdrängen, schließlich versuche ich,
versuchen wir, keine Vorurteile zu hegen und dies natürlich auch unseren
Kindern so zu vermitteln. Daher kommen solche Überlegungen auch gottlob nur
sporadisch und werden sogleich vom edlen Weltbürgergedanken, der sich in
Toleranz übt, beiseite gewischt. Dennoch – nur so
viel noch dazu - werden solche
Vorurteile ja gerade auch sozusagen staatlich gefördert: Seit einigen Jahren
habe ich Kontakt zu einem Werderfan in Ghana, der auch schon vorhatte, nach
Bremen zu kommen. Dazu bat er uns um eine förmliche Einladung, die er bei
seinen Behörden zur Beantragung eines Visums vorzulegen hätte. Also machten wir
uns kundig, was dahinter steckt und ob wir etwas zu beachten hätten. Auch das
Fanprojekt und den Fanbeauftragten hatten wir eingeschaltet, ich war bei der
Ausländerbeauftragten und und und.
Quintessenz war, wir müssten eine quasi Rückreise-Versicherung abschließen und
sogar ein Sonderkonto anlegen, auf dem eine Summe zu hinterlegen ist, die
ausreicht, um den Gast wieder ausreisen zu lassen. Was aber passiert, wenn der
Gast plötzlich überraschend Asyl beantragen will? „Euer Ding“, wurde uns
vermittelt. Mit allem Drum und Dran kann u. U.
gut ne Viertelmillion oder noch mehr dabei raus kommen. Selber kannst du
so was nicht tragen. Doch weder der Verein, noch das FP, noch sonst eine
Institution sieht sich dann in der Lage – natürlich nur unter Beachtung des
eigenen Budgets – dir zu helfen, sprich: dich dabei finanziell zu unterstützen.
Willkommen bei Freunden? Schon damals eher schwierig. Zumindest dann, wenn dein
Freund nicht aus der Schweiz, der EU, aus Amiland oder aus sonstigen Erste-Welt-Ländern kommt. Wenn schon Institutionen und auch
der Staat so agieren, da sollen einem nicht mitunter
selbst solch unwürdige Blitzgedanken kommen?! Egal! Weg damit!
Jetzt ist WM! Die Welt zu Gast bei Freunden. Neben uns sitzt
jedenfalls ein einsames knapp zwei Meter großes Muskelpaket in teuren
Latzshorts mit einer scheißteuren dicken Armbanduhr. Aber recht netter Smalltalk.
Ganz alleine ist der Typ übrigens doch nicht, sein Kumpel sitzt direkt neben
ihm:
Und der quietscht auch
noch, wenn man ihn drückt! Also der Kumpel… is klar! Wir versuchen noch
hinter die Gesänge der éléphants zu kommen. Nicht
einfach. Der populärste Anfeuerungsspruch „But au but!“ heißt wohl so viel wie „Tor auf Tor!“ Na, dafür reicht’s dann doch (noch) nicht. Aber sehr schönes
Spiel! Argentinien liegt zur Halbzeit mit 2:0 in Führung, doch der
Anschlusstreffer zum 1:2 für die Elfenbeinküste durch den ivorischen
Superstar Drogba, dessen Name nahezu auf allen
Orangentrikots prangt ist auch mehr als verdient. Mit etwas Glück wäre sogar
noch mehr drin gewesen, aber letztlich ist der Sieg der Gauchos
auch verdient. Sicher wird man – so sind wir an diesem Abend überzeugt – von
beiden Teams noch viel erwarten dürfen.
Quietscht nicht! Und wehe,
es kommt einer, um zu drücken! – Désirée zeigt Normales in Hamburch: Werder rule O.K.! 1:0
für Bremen! Einige Reihen vor
uns sitzt ein einsamer Bundesligadritter vom Hassvau Supportersclub, der, als
er uns Grünweißen erblickt, meint einen auf volle Tüte Mücken machen zu müssen: „Hahaaahaa, oohe Breem feian wa
die WM, ohne Breem feian wa – hups! – WehÄmm!“
– „Klar! Sonst habta ja auch nix zu feiern, ihr
Vollpfosten!“ Treffer! Typ rümpft die Nase,
winkt ab und setzt sich wieder hin! Ha! 2:0! Versenkt! Mittlerweile wird
auch die offizielle Zuschauerzahl vermeldet: 45.442. Die Hütte an der MVA ist
ausverkauft.
Ausverkauft? Kurz nach dem
Schlusspfiff gelingt Désirée noch eine überaus löbliche Heldentat:
Désirée befreit Hamburg
von fiesen Hassvau-Aufklebern… Hehe! 3:0 für Werder! So hält sich die
Enttäuschung der Ivorer dann auch in Grenzen. Kurz geknickt, aber schon bald
gewinnt die Fröhlichkeit rund ums Stadion die Oberhand. Ein Blitzlichtgewitter
auf dem – jetzt komischerweise frei gegebenen Weg hinter der Südkurve – als
einige das Stadion verlassende Ivorer offenbar in leuchtenden Landestrachten
singendes Objekt vieler Möchtegernpaparazzi werden.
Meines nicht. Digicam löst zu spät aus. Zu viel Volk
vor. Schade, eigentlich! Sahen schon irgendwie so aus wie die Heiligen Drei
Könige.
Oder so ähnlich…: Wir
kommen um das Kindlein zu preisen. Okay, Abmarsch
dann ziemlich unspektakulär. Nicht mal ne Pinkelpause aufm Heimweg. Kurz vor Eins sind
wir wieder zu Hause. Fazit: Doch, hat Spaß gemacht! Wirklich ne große Fete.
Kaum vorstellbar, dass irgendwo irgendwas eskalieren könnte. Okay, nun waren
das ja aber auch nicht wirklich die größten Rivalen, die da im Osten auf
einander trafen. Trotzdem: Diese WM beginnt Spaß zu machen! |