Um 0845 MEZ trafen wir schließlich am Millerntor ein, wo der Bus und ein Großteil der mich begleitenden Meute sich bereits eingefunden hatten. Das Durchschnittsalter war deutlich höher angesiedelt als bei Werder-Bussen (No kids! No drums! No megaphones! Yessss!), also konnte schon mal davon ausgegangen werden, dass es keine suuupergenialen Gespräche über noch genialere Kurven-Choreos geben würde, ganz zu schweigen von irgendwelchen Gesängen (inkl. Lobeshymnen auf die allumfassende Freundschaft zu irgendwelchen Kruppstahlstädtlern und Möchtegernbundesligisten), die die Welt nicht braucht.

 

Außerdem fehlten die adlermäßigen hochprozentigen Schonamfrühenmorgenreinknaller, so dass neben puren Fruchtsäften (!) zumindest zu dieser Zeit nur Bier in die teilweise recht metallisch behangenen Häupter floss. Außer dem überraschender- aber wohltuenderweise ziemlich häufig vertretenen Bex waren hierbei aber in weit überwiegender Zahl auch minderwertige Elb-Eingeborenen-Marken, mit deren Namen ich euch lieber nicht konfrontieren möchte, darunter. Daher war ich etwas überrascht, war ich doch mit der Erwartung eingestiegen, dass ich, wenn schon nicht bereits in Hamburg-Veddel, so doch allerspätestens in Göttingen total zu sein würde, um in diesem St.-Pauli-Bus nicht völlig aufzufallen. Doch da tat ich den Kiezgenossen Unrecht, es geht doch nichts über gesunde Vorurteile... Erleichtert konnte ich dann aber in Stillhorn feststellen, dass sich vereinzelte holländische Nebelschwaden ihren Weg durch die Busreihen zu bahnen begannen. Na, wer sagt‘s denn...?

 

Inzwischen hatte sich auch der Busfahrer vorgestellt („Ja, Leute, ick bin da Gert wa, und ick gloobe, dat det ne janz jute Fahrt wern kann, wa, wenn wa denn ooch nur so alle zweenhalb Stunn anhaltn, wa“), was aus den hinteren Reihen mit „Oh nee, kommtn der her, das glaub ich ja wohl nich!“ und „Union! Union! Eisern Union!“ kommentiert wurde. Und tatsächlich: Der 2 ½-Stunden-Rhythmus wurde wirklich eingehalten.

 

Nachdem ich mit meinem Platznachbarn Steve schon mal mögliche Gesprächsthemen sondiert hatte – ein ausgezeichneter Kenner des Belfaster Kiezes und der besonderen Umstände in dieser Region übrigens – beschloss ich nach ca. vier güldenen Döschen und in Anbetracht dieser Frühschicht, o. g. Göttingen schlichtweg schlafend zu ignorieren und wachte irgendwo im Hessischen mit einem bereits jetzt leicht brummenden Schädel (So’n Laumann!) wieder auf. Na bravo, das scheint ja gut los zu gehen...

 

Gegen halb drei erreichten wir schließlich Stuttgart, wo bereits etliche, aus Hotelfenstern hängende irische Flaggen nur zu vage andeuteten, wie groß der Tross der Celtic-Fans sein würde, der bereits jetzt, gut dreißig Stunden vor dem Anpfiff, die Getränkevorräte der Schwabenmetropole in Angriff nahm.

 

Wie schön, dass die Stuttgarter einst auf die Idee kamen, ihre Stadt im Tal anzulegen, aber unsere Unterkunft, die Jugendherberge der Stadt, schön oben aufm Berg zu platzieren. Dolle Aussicht, aber endlose Treppen – ähnlich bescheuert wie in Klautern der Weg hoch zum Betzenberg.

 

Ich fand meine Koje schließlich in einer Sechs-Mann-Stube. „Schnårcht hiä eigentlich einä?“, wollte jener Unglückselige mit dem breitesten Jan-Fedder-Slang wissen, der meinte, sich das Bett unter dem meinen ergattern zu müssen. „Klår!“, sagte der erste. „Jouh!“, sagte der zweite. „Och, so’n büschn!“, murmelte ich. Wollte meinen Trumpf ja noch nicht richtig ausspielen... Fragt Breidy, der weiß, was ich meine...

 

Wie schnell doch so knapp siebzehn Jahre vergehen können! Während der Grundi hatte ich – glaub‘ ich – zum letzten Mal ein Bett ohne Spannbettlaken bezogen. Unser „lieber Jan“ hätte jetzt mit Sicherheit einen zum besten gegeben: Daran sind wir schon in Stalingrad gescheitert: 1. Nachschubprobleme bei der sechsten Armee und 2. weil der Durchschnitts-Landser aus dem Südoldenburgischen nicht in der Lage war, sein Bett richtig zu bauen! Ja, ham wir denn nichts, gar nichts aus der Geschichte gelernt?!“

 

Naja, für zwei eh zu kurze Nächte wird’s schon reichen.

 

Also schnell noch ein paar Haake-Beck gekrallt und runter in die Stadt! „Geht’s hier zu Karstadt?“, wurden irgendwelche noch zu jungen Mädels gefragt (wie jeder gute Bremer weiß, liegt Karstadt ja mitten in der City; das ist in Sturrgarrt net anderschd). Irgendwo dort in der Nähe würden sich die Celts bereits warm singen & trinken. Und richtig, gut vierhundert grün-weiß Gestreifte (also die Trikots mit den „Hoops“ Tragende) waren bereits von weitem zu hören und gaben schon jetzt ein imposantes Bild ab.

 

Sowieso suuuper waaam hier, und wir hatten die Jacken am Arsch! Aber egal, Hauptsache, ‘s läuft! Und wie es dann lief...!

 

Hail! Hail! The Celts are here!

 

Hail! Hail! The Celts are here,

What the hell do we care,

What the hell do we care,

Hail! Hail! The Celts are here,

What the hell do we care now...

 

For it’s a Grand Old Team to play for,

For it’s a Grand Old Team to see,

And if you know the history,

It’s enough to make your heart go „FUCK THE RANGERS!“

We don’t care what the animals say,

What the hell do we care

For we only know

That there’s gonna be a show,

And the Glasgow Celtic will be there!

 

Wohl der populärste Celtic-Song, der immer wieder und mit immer labberiger werdenden Zungen angestimmt wurde. Als die Celts die Paulis erblickten, ging’s gleich los (nach der Melodie „Steht auf, wenn ihr Bremer seid“): „Saint Pauley and the Celts are here“, etc. Sofort wurden die Paulis aufgefordert, ein deutsches Lied vorzutragen. Die ließen sich nicht lumpen und brachten „Freude schöner Fußballzauber“. Ein Text... wahrlich wie für Pauli gemacht! Als die Celts diesen klassischen Genuss erkannten, klatschten sie sofort mit. Man kann durchaus von einer richtigen Fan-Freundschaft sprechen, andere Bundesligisten hatten keine echte Chance, auch die Dortmunder nicht (von denen war zu diesem Zeitpunkt noch gar nichts zu sehen). Vielen Celts war Werder zwar bekannt („Oh, we played Werder in 1987... or 88? Aye, 1988! Right! We been there, too. Nice colours...“), Tauschen war aber recht schwierig.

Dafür wurde den Braunweißen alles förmlich aus der Hand gerissen. Ein zwar originelles aber recht einfaches T-Shirt des Pauli-FCs „Feuchte Biber“ wurde ohne weiteres mit einem aktuellen gelben Celtic-away-Trikot mit Sonderstickung „Champions 2001/02“ getauscht. Coole Investition! Dabei gehörte „Schubser“ den Bibern nicht mal an. Dafür guckte der Celt etwas irritiert, als man ihm die Übersetzung von „Feuchte Biber“ lieferte...

 

Auf dem Schlossplatz ließ sich übrigens nicht ein VfBer blicken, die überließen uns komplett das Feld. Und wir wurden minütlich mehr. Die Staatssicherheit hielt sich erfreulich im Hintergrund, zeigte nur Präsenz und sonnte sich vor ihren Bullys. Es gab auch nichts zu tun, außer vielleicht den Rasen vor dem Schloss vor allzu ausgelassenen Schotten und Iren u. dgl. zu beschützen.

 

Der St.-Pauli-Fanladen hatte zweisprachige Flyer im Bus verteilt, die wir an die Celtic-Fans weiter geben sollten, so mit Kneipen-Tipps usw. Das deutschsprachige Celtic-Fanzine „The Green Pages“ (Geiles Teil) hatte auf seiner Homepage www.celticfc.de außerdem angekündigt, dass die derzeit wohl angesagteste Irish-Rebel-Band Glasgows, „Charlie & The Bhoys“, Tags darauf in so’m Riesenschuppen namens „Proton“ spielen würde. Schnell war klar, dass dies kein Geheimtipp mehr sein würde.

 

Außerdem machten die dollsten Gerüchte die Runde: Zwischen 8.000 und 15.000 Celtic-Supporters  (je nachdem, wie überschwänglich es erzählt wurde) hätten sich ohne Eintrittskarte auf den Weg nach Stuttgart gemacht  – die Tausenden mit Tickets also nicht mal mitgerechnet (und die Hütte galt aus „ausverkauft“) und ungefähr 300 „gewaltbereite St. Paulianer“ seien auch unterwegs. Tatsächlich traf am Abend ein Bus mit Skins ein, der von HH bis nach Stuttgart von den Römern eskortiert worden war.

 

 

 

 

Inzwischen hatte sich unser kleiner Tross - nach etwas festerer Nahrungsaufnahme – in den Tipp des Abends aufgemacht: In den „Biddy Early’s Irish Pub“ in der Marienstraße. Vor der Tür standen ca. zehn Hoops rum, Einlass nach dem Motto „erst wenn einer raus – dann der nächste rein“. Der Laden selbst war so’n Keller-Pub, etwas länger als unser Paddy’s Pit am Hbf, nur gut doppelt so breit. Wie die Leute, die drin waren.

 

Auf den unteren Stufen der Kellertreppe bot sich bereits ein imposantes Bild. Grünweiße Trikots bis zum Abwinken, bereits mehr oder weniger abgefüllt, und alle ununterbrochen am singen. Als wir kamen, war Guinness offenbar längst alle, Gläser gab's eh nicht, sondern nur Plastikbecher (also alles wie zu Hause), also gab sich alles dem Dinkelacker hin, Nulldrei für Zwofuffzig. War man noch am Schlossplatz größten Teils unter sich, vermischte sich hier endgültig alles. Und was für Volk! Altersmäßig von 20 bis 60 war alles da, jede Menge Kanten, Bubi-Formate etc. Allerdings relativ wenige Frauen, die Maxi-Tour war wohl nur von Solotypen gebucht worden – oder von irgendwelchen Papis, die mit ihren Clubs „halt so richtig Spaß“ haben wollten. Is klar!

 

Unterhaltungen liefen nach dem bekannten wie beliebten Muster: Laut, schwerzüngig, vielfach unartikuliert, aber meist mit feuchter Aussprache (Aaaye, you’re aaaall ffffuckin great laaaadssssssss – Jouh, genauuu! Rülps!). Und schon ging’s wieder los:

 

Low lie the Fields of Athenry

Where once we watched the small free birds fly

OH, BABY LET THE FREE BIRDS FLY!!!

Our love was on the wing

We had dreams and songs to sing

I. R. A. !!!

It’s so lonely ‘round the Fields of Athenry

 

Als Celtic 1988 im Weserstadion spielte, war sogar britische (!) MP da. Die hätte in Stuttgart sicher Stress gekriegt, bei Liedern wie:

 

Go on home, British soldiers, go on home!

Have you got no fuckin‘  homes of your own?

For eight hundred years

We’ve fought you without fears

And we’ll fight you

For eight hundred more!

 

No, we’re not British, we’re not Saxon, we’re not English (ARE WE FUCK?!!!)

We’re IRISH! And proud we are to be!

So fuck your Union Jack!

We want our country back!

We want to see old Ireland

Free once more!

 

So go on home, British soldiers, go on home, ...

 

Und immer wieder die irische Nationalhymne, „The Soldier’s Song“, mal auf irisch (gälisch), mal auf englisch. Hatte was! Manchmal war sogar das zu hören, was im Hintergrund auf CD lief. Das war dann etwas gemäßigter, so von den Texten her! Aber auch das jagte einem wohlige Schauer über den Rücken! Wenn ein ganzer Pub, geschlossen, also Hunderte von Leute den kompletten Text von „You’ll never walk alone“ singt, so dass du zwischen den Zeilen hören kannst, dass irgendwo am anderen Ende des Pubs ne Klotür aufgeht, das ist schon heftig!

 

Schubser war inzwischen komplett neu eingekleidet worden. Trikot hatte er ja schon geschossen, nun kamen noch eine Celtic-Champions-2002-Flagge und eine baskische Flagge hinzu. Wobei er immer wieder beteuerte, dass er keine Ahnung hätte, warum er an diese Sachen gekommen sei. Oder so.

 

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